Neues aus der Filterblase

 
   

Die deutsche Presse und ihre schräge Liebe zur Berliner Mauer

 
   
Blase
 
    © Christian Müller 2018  
       
       
         
«home   Ende August kam es am Rande eines Volksfestes in Chemnitz im deutschen Bundesland Sachsen zu einer Messerstecherei mit einem Todesopfer. Der Tat verdächtig wurden rasch zwei Ausländer, woraufhin Ausschreitungen und Übergriffe gegen Migranten folgten.  
    Die Reaktionen auf die Tötung und die nachfolgenden Demonstrationen zeugen von Erschrecken und Entsetzen sowie von einer verbreiteten Ratlosigkeit darüber, wie es zu den Gewaltexzessen kommen konnte. Obgleich es auch an Erklärungen mangelte, so fehlte doch ein Hinweis fast nie. Der Hinweis nämlich, dass Chemnitz eine ostdeutsche Stadt sei, gerade so als sei «ostdeutsch» ein nützlicher Ansatz, um das Unbegreifliche zu verstehen.  
    Chemnitz, früher Karl-Marx-Stadt, liegt in der Tat im Osten, auf dem Gebiet der ehemaligen DDR und ist wirtschaftlich nicht auf Rosen gebettet. Vorkommnisse wie Ende August dürften kaum geeignet sein, den Ruf als potentiellen Wirtschaftsstandort zu verbessern. Die wenig versprechenden Wirtschaftsaussichten teilt sich Chemnitz bekanntermassen mit vielen Gegenden in der ehemaligen DDR.  
    Die Sorge um den deutschen Osten ist in den deutschen Medien entsprechend weit verbreitet. Zumindest auf den ersten Blick. Nimmt man etwa die Anzahl Google-Treffer zu allen möglichen Wortkombinationen aus «ostdeutsch» und einem beliebigen weiteren Wort zum Massstab, so ergeben sich weit grössere Zahlen als man bei der relativen Grösse des Ostdeutschlands erwarten dürfte. Dieser Überschuss zeigt sich anhand eines Vergleiches mit Wortkombinationen aus «westdeutsch» und einem beliebigen weiteren Wort.  
    Anhand der Grösse Ostdeutschlands – gemessen an der Zahl der Städte – müsste das Verhältnis der Verwendung von «ostdeutsch» zu «westdeutsch» in etwa bei 29 zu 71 liegen. Gemäss Google verwendet die deutsche Druckpresse (ZEIT, FOCUS, BILD, SUEDDEUTSCHE, BERLINER ZEITUNG, NEUES DEUTSCHLAND) mit ihren jeweiligen Onlineangeboten die Zuschreibung «ostdeutsch» jedoch viel öfter.  
    Wie aus der folgenden Tabelle (Spalte «Zuschreibung») hervorgeht, wird die Bezeichnung «ostdeutsch» mindestens genauso oft verwendet wie «westdeutsch»; in der Regel aber häufiger obwohl 30 Prozent vollkommen angemessen wäre. Auch die beiden grossen deutschschweizer Tageszeitungen, NZZ und Tagesanzeiger bilden dabei keine Ausnahme. Einzig die Zeit hält sich mit 39 zu 61 Zuschreibungen «ostdeutsch» etwas zurück.  
   


Zuschreibung

Anteile an der Berichterstattung

SOLL

29%

71%

49%

51%

Printmedien

ostdeutsch

westdeutsch

ostdeutsch

westdeutsch

focus.de

59%

41%

50%

50%

bild.de

52%

48%

66%

34%

berliner-zeitung.de

97%

3%

27%

73%

neues-deutschland.de

66%

34%

47%

53%

sueddeutsche.de

54%

46%

31%

69%

zeit.de

39%

61%

18%

82%

nzz.ch

74%

26%

40%

60%

tagesanzeiger.ch

71%

29%

14%

86%

 
    So gesehen scheint der Osten grosse, sogar überproportionale Aufmerksamkeit in den Medien zu geniessen. Daraus jedoch zu schlussfolgern, dass Ostdeutschland auch in der Berichterstattung materiell übervertreten wäre, erwiese sich als Trugschluss. Denn schaut man, wie häufig Städte namentlich genannt werden, statt lediglich die Pauschalisierung «ostdeutsch» zu registrieren, ändert sich das Bild radikal.  
    Das sieht man, anhand zweier Gruppen von Städten, die im gesamtdeutschen Grössen-Ranking nahe beieinander liegen und insgesamt zwar auf ungefähr die gleiche Bevölkerungszahl kommen, jedoch in der Berichterstattung sehr ungleich behandelt werden.  
    Vergleichbare Städte sind zum Beispiel Leipzig, Dresden, Chemnitz, Magdeburg, Halle (Saale) auf der einen und Essen, Bremen, Kiel, Aachen, Freiburg im Breisgau auf der anderen Seite. Das Grössenverhältnis zwischen diesen beiden Gruppen beträgt 49-51; ist also in etwa ausgewogen mit minimalem Vorteil für die westdeutschen Städte.  
    Interessant ist nun, wie oft deutsche Zeitungen über diese Städte namentlich berichten. Um das herauszufinden, kann bei Google auf den jeweiligen Webseiten der Zeitungen eine einfache «site»-Suche mit den Städtenamen als Suchbegriff durchgeführt werden.  
    Die Ergebnisse dieses Experiments sind recht eindeutig. Wird die Gesamtzahl aller Erwähnungen dieser zehn Städte in den Onlineangeboten auf die beiden Gruppen nach ost- und westdeutsch aufgeteilt, dann zeigt sich, dass nur zwei von den acht ausgewählten Medien ungefähr ausgewogen berichten. Diese beiden Medien sind der Focus und das Neue Deutschland.  
    Das Ungleichgewicht ist dabei mit einer bemerkenswerten Ausnahme – der Bild-Zeitung – zuungunsten der ostdeutschen Städte, die im Schnitt viel weniger oft auf den Webseiten erwähnt werden. Die Abweichung von einer «fairen» Berichterstattung ist zudem kein Sonderfall regionaler oder wenig ambitionierter Blätter. Heraus sticht insbesondere die Zeit, die auf weniger als die Hälfte der Nennungen kommt, die man erwarten würde.  
    Insgesamt ergibt sich also die paradoxe Situation, dass die Zeitungen sehr eifrig Dinge und Personen als «ostdeutsch» charakterisieren, aber wenn es darum geht, über ostdeutsche Städte namentlich zu berichten, kühlt der Eifer deutlich ab.  
    Dieser Widerspruch zwischen pauschalisierendem und konkretem Interesse bleibt auch dann bestehen, wenn dem Ost-West-Vergleich ein Nord-Süd-Vergleich gegenübergestellt wird. Dieser doppelte Vergleich ist sinnvoll, da häufig die Meinung vertreten wird, Ostdeutschland sei keineswegs besonders; schliesslich gibt es auch andere Regionen, wie eben den Norden Deutschlands, die medial ebenso benachteiligt werden.  
    Teilweise trifft letzteres tatsächlich zu. Sucht man nach Zuschreibungen «norddeutsch» versus «süddeutsch», so ergibt sich ebenfalls eine überproportionale Erwähnung von «norddeutsch». Allerdings ist die Bestimmung der «richtigen» Proportionen nicht so einfach wie im Falle Ostdeutschlands.  
    Für den Vergleich sollen Bayern und Baden-Württemberg als Süden gelten und der Norden sind Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hamburg und Bremen. Das Verhältnis der Anzahl Städte im Norden und im Süden beträgt 33 zu 67 zugunsten des Südens. Folglich müsste die Zuschreibung «norddeutsch» einen Anteil von einem Drittel ausmachen.  
    Google zufolge kommen das Neue Deutschland und die Zeit diesen angemessenen Anteilen sehr nahe, wie unten stehende Tabelle zeigt (Spalte «Zuschreibung»). Die Schweizer Zeitungen verwenden häufiger «süddeutsch» als es «fair» wäre, was aufgrund der räumlichen Nähe zu Süddeutschland jedoch nicht weiter überraschen sollte. Die anderen drei Zeitungen (die Süddeutsche musste aus naheliegenden Gründen vom Vergleich ausgenommen werden), verwenden die Zuschreibung «norddeutsch» zu häufig. Insgesamt ergibt sich also auch hier das Bild eines etwas übereifrigen Interesses an einer Minderheit. Insofern scheint der Osten Deutschlands wirklich keine Sonderrolle zu spielen.  
    Doch auch in diesem Fall täuscht der erste Eindruck. Ergänzt man nämlich den ersten Vergleich um die Analyse der namentlichen Nennungen konkreter süddeutscher und norddeutscher Städte, so verschwindet das Bild der Unausgewogenheit.  
   


Zuschreibung

Anteile an der Berichterstattung

SOLL

33%

67%

49%

51%

Printmedien

norddeutsch

süddeutsch

norddeutsch

süddeutsch

focus.de

47%

53%

46%

54%

bild.de

41%

59%

55%

45%

berliner-zeitung.de

45%

55%

53%

47%

neues-deutschland.de

34%

66%

69%

31%

sueddeutsche.de



38%

62%

zeit.de

32%

68%

47%

53%

nzz.ch

25%

75%

41%

59%

tagesanzeiger.ch

8%

92%

21%

79%

 
    Wie zuvor erfolgt die Städteauswahl anhand des gesamtdeutschen Rankings. Daraus ergeben sich diese Städtegruppen: Heilbronn, Pforzheim, Reutlingen, Erlangen (Süden) und Göttingen, Bremerhaven, Salzgitter, Hildesheim (Norden) mit ungefähr gleichen grossen Bevölkerungszahlen. Das Verhältnis beträgt 51 zu 49 zu Gunsten der süddeutschen Städteauswahl.  
    Unter dem Strich zeichnet die Google-Analyse also ein bedenkliches Bild. Während die untersuchten deutschen Medien schnell dabei sind, «ostdeutsches» zu entdecken und zu benennen, herrscht gleichzeitig eine unverhältnismässige Zurückhaltung, wenn es darum geht, über Ostdeutschland konkret zu berichten.  
    Mit dieser selektiven Ignoranz zeichnet die deutsche Presse einen dicken Strich über die Landkarte Deutschlands. Diese Linie ist den älteren Generationen nur allzu bekannt, entspricht sie doch dem Verlauf der Berliner Mauer, die das Land fast dreissig Jahre lang trennte.  
    Kein Wunder also, dass östlich und westlich von dieser neuen alten Grenze eigene gesellschaftliche Biotope gedeihen, die sich eigentlich fremd sind und bleiben. Zum Teil, wie beim Neuen Deutschland, dem ehemaligen Zentralorgan der sozialistischen Einheitspartei, dürfte diese Trennung der Klientelpflege dienen. Zum grösseren Teil führt dieses Schisma jedoch zur negativ konnotierten Stigmatisierung Ostdeutschlads.  
    Von dieser Stigmatisierung ist es zur Filterblase, in der Fremdenfeindlichkeit und Demokrativerdruss gedeihen, ein kleiner Schritt. Der Rückzug in die eigene Welt hilft dabei, der Stigmatisierung zu entgehen und die Nachrichtenlücke zu füllen, die die traditionellen Medien hinterlassen.  
    Auf der anderen Seite stimmen die Befunde aber auch etwas optimistisch. Denn wenn die Probleme Chemnitz` und ganz Ostdeutschlands – einschliesslich der wirtschaftlichen – tatsächlich durch eine angemessenere Medienrepräsentanz gemildert werden könnten, so dürfte ein entsprechendes Umsteuern zu den «einfacheren» Lösungen zählen. Als wesentlich schwieriger dürfte es sich dagegen erweisen, andere handfeste Unterschiede wie etwa bei der Besetzung von Spitzenpositionen zu korrigieren.  
    Die Tötung eines Menschen ist nicht mehr korrigierbar, ebenso wenig wie die darauf folgenden Verletzungen ungeschehen gemacht werden können. Doch ebenso falsch wäre es, die Ereignisse in Chemnitz als bedauerliches, schicksalhaftes Phänomen Ostdeutschlands abzutun. Notwendig ist es dagegen, die neuen Mauern einzureissen. Die Bürger der DDR haben seinerzeit grossartige Abrissarbeit geleistet. Die Beseitigung der neuen Mauern ist eine Herausforderung für ganz Deutschland.  
«home      
       
    Verweise  
    https://www.sueddeutsche.de/politik/ausschreitungen-es-sind-nicht-die-chemnitzer-es-sind-nicht-die-sachsen-es-sind-extremisten-1.4107948  
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/oekonomen-warnen-fremdenhass-wird-zum-standortnachteil-a-1225356.html  
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Großstädte_in_Deutschland  
    https://www.mdr.de/heute-im-osten/wer-beherrscht-den-osten-studie-100-downloadFile.pdf  
    http://www.sei.ch/archive/SPON-DIW-AfD.pdf  
       
    © Christian Müller 2018  
    Jacobs University Bremen  
    www.s-e-i.ch